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Unverletzt, aber in Bergnot

by Renate Buchner

Jeder Schritt lässt die Beinmuskeln brennen; du blickst hinauf, das Gipfelkreuz bereits greifbar, und sagst zu dir selbst: „Nur noch ein paar Schritte, nur noch ein paar Meter.“ Die Kraft geht spürbar zurück, aber die innere Stimme lässt dich weitergehen.

Die Alpen wirken auf dich mystisch wie eine beruhigende Oase, aber sie zeigen dir auch die Grenzen auf, wenn du es zulässt. Die Schönheit des Ausblicks und die Ruhe, die einen umgibt, verführen dazu, länger an einem Ort zu bleiben. Zeit für den Abstieg. Der Sonnenstand steht tief, die Berggipfel werden zu dunklen Silhouetten. Die Nachtdämmerung beginnt.

Die Atemfrequenz steigt. Der Blick schweift, sucht nach dem Weg. Ein Fehltritt, du stolperst. Die Nacht wirkt dunkler. Vorsichtig bewegst du einen Fuß vor den anderen. „Ist es der richtige Weg?” Aus der Ferne hörst du das Knacken und Krachen. Das Herz rast, die Muskeln verkrampfen sich und der Mund fühlt sich staubtrocken an. Du wischt dir den Schweiß von der Stirn. Der Wind lässt erbarmungslos die eisige Temperatur durch deine Kleidung schneiden. Erschöpft setzt du dich hin, die Füsse eng an dich herangezogen. Ein paar Mal durchatmen. Die Finger sind taub vor Kälte. Erst nach mehreren Versuchen entsperrt das Display. Die Finger zittern, als du den Notruf wählst. Es läutet. Am anderen Ende meldet sich die Leitstelle.

...gehört für alpine Einsatzkräfte mittlerweile zum Alltag

Was wie das Drehbuch eines dramatischen Bergthrillers klingt, gehört für alpine Einsatzkräfte mittlerweile zum Alltag. In der Bergrettung spricht man in solchen Fällen von einem sogenannten „Blockierungs-Trend“. Umgangssprachlich gemeint ist, dass Alpinisten zwar unversehrt sind, sich jedoch so im Gelände verirrt oder überfordert haben, dass sie den Weg nicht fortsetzen können. Dieser Aspekt wird besonders durch einen kürzlich eingetretenen Vorfall im Gemeindegebiet Eisenerz in der Steiermark diskutiert.

Sechs Personen, davon vier Kinder, das Jüngste sechs Jahre alt, saßen im Bereich Rotriegel auf über 1860 m Seehöhe fest. Die Kinder waren so erschöpft, den schweren Pfad über abgebrochenes Gestein und Felsstufen zu gehen, dass sie keinen Fuß mehr vor den anderen setzen konnten. Die Dunkelheit setzte bereits ein, und durch den böigen Wind sank die Temperatur zusehends. Die verzweifelten Eltern wussten nicht, wie sie den Abstieg bewältigen sollten und wählten spät abends den Notruf. Es folgte ein Großeinsatz von 30 Bergrettern der Bergrettung Eisenerz und der Alpinpolizei.

Erst in den frühen Morgenstunden konnte die Familie ins Tal gebracht werden. Ein Großeinsatz mit 30 Bergretter.

„Wir haben in der Nacht schon versucht, die Personen vom Berg zu holen. Das hat leider aufgrund der Witterung und des starken Windes nicht funktioniert“, erklärte René Dengg von der Alpinen Polizei. Er fügte hinzu, dass Bergretter die Nacht bei der Familie verbrachten und Notunterkünfte – sogenannte Biwaks – einrichteten, um sie vor Unterkühlung zu schützen.

Im Oktober 2026 verzeichnete die Steiermark innerhalb einer Woche drei derartige Einsätze. Statistiken zur Rettung von Personen ohne Verletzungen heizen die Debatte an – vor allem darüber, wie die Informationvermittlung von Routenplanung, Schwierigkeitsgraden, benötigter Ausrüstung und Verhaltensweisen in schwierigen Situationen an Touristen effektiver kommuniziert werden kann. Textbasierte Warnhinweise und Empfehlungen wie „Trittsicherheit erforderlich“ werden als zu vage wahrgenommen; es fällt den Menschen schwer, sich konkret vorzustellen, was diese Begriffe in einer tatsächlichen Situation bedeuten.

Im Jahr 2025 barg die Bergrettung in Österreich 11.104 Personen, von denen 2.233 unverletzt waren; im Vergleich dazu wurden im Jahr 2024 insgesamt 10.406 Personen geborgen, davon waren 2.403 unverletzt.

Der Berg hat sich verändert...

Gerald Dunkel-Schwarzenberger, Präsident des Verbandes alpiner Vereine Österreichs, beschreibt in der Pressekonferenz bei den Internationalen Bergtagen im September die Problematik so: „Der Berg hat sich verändert, und die Vorbereitung vieler Bergsteigerinnen und Bergsteiger hält damit nicht Schritt. Wenn Zustiege über Blankeis führen und Schneebrücken nicht mehr halten, reicht die Erfahrung von gestern nicht mehr. Er betont, dass Tourenbeschreibungen und Weginformationen den aktuellen Zustand abgebildet werden sollten, und fügt hinzu: “die Menschen dort erreichen, wo sie ihre Tour planen – und eine langfristig gesicherte alpine Infrastruktur“.

Dies spiegelt die Herausforderung wider, der sich die OTS-Kampagne “Sicher unterwegs am Berg: Österreichs Wanderdörfer stärken das Bewusstsein für alpine Sicherheit”, widmet. Sie zielt darauf ab, die Mitgliedsregionen dafür zu sensibilisieren, Wanderern in einer klaren, übersichtlichen Struktur Informationen bereitzustellen.

Einfache, unkomplizierte Informationen in physischer (Karten, Hinweistafeln, Broschüren) und digitaler Form (Apps, Websites, QR-Codes), sowie GPS-Navigation unterstützen die Alpinsicherheit der Wanderer.

„Kurz aufs Handy schauen und loslaufen – viele Wanderer verlassen sich blauäugig auf Google Maps. Laut dem Chip Magazin ein gefährlicher Irrtum: Da die App weder Höhenlinien noch Geländesteilheit anzeigt, geraten Wanderer oder Bergsteiger in alpine Notlagen, weil die App unpassierbare Pfade, Felswände oder Klettersteige als reguläre Wege vorschlägt.

Spezielle Wander-Apps wie Komoot, Berfext, oder Alpenvereinaktiv bieten topografische Details, Wegmarkierungen und Gefahrenhinweise.